Raket One hat den Rapschalk im Nacken

Frankfurt an der Oder hat sich bisher nicht als Mekka des deutschsprachigen Rap hervorgetan. Und doch erklingen von dort massive Töne. Die zudem überaus witzigen Stücke machen derzeit auf YouTube richtig Furore. Die Ein-Millionen-Klicks-Marke wurde in kürzester Zeit locker übersprungen. Mit seinem Video „Schule“ eckte der Klickstar gleich mal bei den prüden Amis von YouTube an – das Video wurde mit einer Altersbeschränkung versehen.

Aber wer ist „dieser kultige Typ, dem das alles gelingt denn nun? Die Rede ist von Raket One, einem jungen, quirligen Kerl aus der Oderstadt, der sich vorgenommen hat, die Szene ordentlich aufzumischen.

Falsche Fährte

Doch zunächst alles auf Anfang und hin zur Wiege von Raket One. Denn schon zu diesen Zeiten wird ihm Musik in selbige gelegt. „Meine große Schwester hat immer gesungen. Gern sogar“, erinnert er sich, „mein Vater ist DJ. Mein Opa hat eine kleine Band gehabt. Und irgendwann lag Musik nicht nur in meiner Wiege, sie war mir in Fleisch und Blut übergegangen.“ Raket One singt später sogar im Chor. Doch wer jetzt darauf wartet, dass er bereits in jungen Jahren ein Meisterschüler am Klavier, an der Gitarre oder was weiß ich an welchem Instrument ist, der ist komplett auf der falschen Fährte. Doch spielt er schon gern. Mindestens so gern, wie sein große Schwester singt. Sie ist es auch, die ihn auf die Spur dieser Spielerei gebracht hat. „Die hat mich zu einem Bekannten mitgenommen und der hatte auf seiner PlayStation ein Musikprogramm“, erzählt Raket One, „ein echt geiles und eins, dass ich sofort auch haben wollte. Ich wollte immer schon selber Musik machen, habe aber den Dreh irgendwie nie gefunden.“ Aber mit diesem Programm kann er seiner Musikleidenschaft frönen. Jeden Tag macht er nun Musik und erschafft sich einen Kosmos aus tausenden Klangschnipseln, Tonskizzen und fertigen Liedern. Damals ist Raket One, der eigentlich Florian Rakette heißt, gerade mal acht Jahre alt. Einige Jahre später ist Raket One vom Rechner und der Computermusik endgültig gefressen worden.

Ausgelacht

Raket One wird älter und gerappte Reime faszinieren ihn urplötzlich, wie nichts sonst. Außer vielleicht  Feiern. Doch erstmal spielt er weiter. Diesmal mit aggressiven Hip-Hop-Beats. Macht dabei einen auf dicke Hose. „Dafür wurde ich aber ausgelacht, weil ich das nicht verkörpern konnte“, lacht Raket One, „doch dicke Hose und so, das war ich nicht. Bin ja nicht so ein Harter. Eher der Lustige. Der Komiker. Der, der über sich selber genau so laut lachen kann, wie ich Leute zum Lachen bringe.“ Lachen und Feiern. Feiern und Lachen. Doch da fehlt doch was? Der passende Soundtrack! Das findet auch Raket One und sitzt fortan wieder am Rechner. Frickelt hier an Melodien, baut dort einen Beat und reimt dazu. „Ich merke sofort, wenn es sich gut anfühlt. Einmal auf der Liedspur, mache ich das Stück auch sofort fertig. Ganz alleine“, fügt er an. Viel braucht es nicht dazu: ein richtig gutes Mikrofon und einen prima Rechner. Aber Raket One ist dann doch nicht wirklich der klassische Maschinen-Nerd, der in der virtuellen Welt komplett abtaucht. Er benötigt seinen Frankfurter Freundeskreis. Zum Lachen und Feiern. Und für die lebensechten Texte. „Ich brauche meine Kumpel. Vor allem auch ihre Sprüchen, die sie immer raushauen, wenn wir unterwegs sind“, lacht Raket One, „ich schreibe das immer sofort auf. Wenn die Kumpel irgendwo einen richtig geilen Spruch aufschnappen, wenn ich mal nicht dabei bin, dann schicken die mir den per SMS.“

Dicke Anne

So surfen immer mehr von Raket One’s flotten, humorigen Sprüche auf abgefahrenen Elektrobeats. „Von den ersten Liedern hatten meine Freunde gleich einen Ohrwurm“, blickt Raket One zurück, „sie gaben mir den Rat, ‚Mensch schick’ das doch mal irgendwo hin. Zu einem Radiosender oder so. Zum Jugendsender Fritz zum Beispiel.“ Von da an nimmt eine Erfolgsgeschichte ihren Ausgang: Fritz spielt ein Raket One-Stück nach dem anderen, seine selbst gebastelten Videos rotieren bei YouTube im Dauerbetrieb und bei Facebook kommt er mit Posten gar nicht mehr nach. Alle lieben seine Reime und sein freches und loses Mundwerk dabei. Er erzählt von der Hässlichkeit: „du bist hässlich das geht nich klar/du bist ein Kantengesicht Gesichtsachterbahn.“ Oder von der dicken Anne: „wabbeldenabbelalleschwabbelduh/die dicke Anne tanzt.“ Wer bereits jetzt den Vorurteilspfad eingeschlagen hat, bei dem hat Raket One sein erstes Ziel schon erreicht, ihn schön weit auf Eis gelockt und da lässt er den schwer Beladenen nach allen Regeln der Kunst einbrechen. Denn Raket One geht doppeldeutig, humorig und schalkhaft zu Werke. Das muss jeder erfahren, der ihm frank und frei und ohne Vorurteil folgt. Dafür wird er so heiß geliebt, egal wo er auftaucht.

Und mit Frankfurt/Oder hält es Raket One wie Kraftclub mit Chemnitz, die da laut und vernehmlich singen: „Ich will nicht nach Berlin.“ Das käme für Raket One auch nie in die Tüte; denn nur in seiner Heimatstadt können sie weiter gedeihen, seine coolen Sprüche und seine starken Töne. Also lebenslanges Wegzugsverbot für Raket One!